Diabetische Nephropathie – Progress aufhalten könnte möglich werden

Mit zunehmendem Alter nimmt bei jedem Menschen die GFR ab. Konzentrationsfähigkeit, Reservekapazität und Regenerationspotenzial des Nierenparenchyms gehen nach und nach verloren. Bei diabetischer Nephropathie ist der Progress viel schneller.

Nierenschutz

Maßnahmen, die das Fortschreiten der diabetischen Nephropathie verlangsamen oder aufhalten sollen, sind umso effektiver, je früher die Nierenerkrankung erkannt und gezielt behandelt wird, betonte Professor Dr. Nils Heyne, Leiter der Sektion Nieren- und Hochdruckkrankheiten an der Klinik für Innere Medizin IV der Universitätsklinik Tübingen. Im Mittel wird die diabetische Nephropathie allerdings erst vier bis sieben Jahre nach ersten laborchemischen Anzeichen diagnostiziert, wenn die chronische Nierenerkrankung (engl. chronic kidney disease, CKD) bereits in einem höheren Stadium (IIIa, IIIb) ist, berichtete er anlässlich des Diabetes-Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin.

CKD erkennen

Bei allen Menschen mit einem Risiko für eine CKD oder mit einer bestehenden CKD sollte zur Risikostratifizierung Albumin im Urin und die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) bestimmt werden. Die kreatininbasierte geschätzte GFR (eGFR) als initialer Test wird häufig durchgeführt, die Bestimmung der Albumin-Kreatinin-Ratio im Spontanurin nicht, meinte Heyne. Er betonte, die Standard-Urin-STIX sei nicht ausreichend sensitiv, der Micraltest ungenau und häufig falsch-positiv.

Andere Ursachen einer Nierenerkrankung möglich

Bei einem positiven Befund und Verdacht auf eine diabetische Nephropathie sollte man daran denken, dass eine CKD auch andere Ursachen als den Diabetes haben kann. Nur etwa 50 % aller CKD bei Patienten mit Diabetes sind isolierte diabetische Nephropathien. Auf andere Ursachen weisen laut Heyne insbesondere hin:

•    akut auftretende hohe Proteinurie 
•    progrediente Proteinurie oder rasche GFR-Abnahme, 
•    hinzukommende Hämaturie 
•    diskordanter zeitlicher Verlauf zur Diabetesdauer und 
•    sonomorphologische Auffälligkeiten.

Allgemeine Progressionshemmung

Unabhängig von der zugrunde liegenden Ätiologie gehören zur progressionshemmenden Therapie bei CKD eine Blockade des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS), SGLT-2-Inhibitoren (Hemmer des Natrium-Glukose-Transporters 2) und Blutdruckeinstellung. SGLT2-Inhibitoren führen nach Modellrechnungen bei Einsatz bereits bei einer eGFR von gerade unter 60 ml/min/1,73m² zu einer Verzögerung der Dialysepflichtigkeit gegenüber Placebo oder Therapiestandard um etwa elf Jahre, berichtete Heyne. Werden sie erst bei einer eGFR von unter 30 ml/min/1,73 m² eingesetzt, werden etwa sechs Jahre bis zum Nierenversagen gewonnen. In Deutschland erhielten zwischen Juni 2021 und Juni 2023 etwa drei Viertel der Patienten mit CKD einen Hemmer des Renin-Angiotensin-Systems (ACE-Inhibitor oder Angiotensinrezeptorblocker), aber nur 12,5 % einen SGLT2-Inhibitor und 9,7 % beides.

Spezifische Progressionshemmung

Entitätsspezifisch für die diabetische Nephropathie kommen der nicht steroidale Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonist (nsMRA) Finerenon und Glukagon-like-Peptide-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) infrage.

nsMRA

In der Studie CONFIDENCE mit Patienten mit Typ-2-Diabetes und CKD führte der Therapiebeginn mit Finerenon zusätzlich zu dem SGLT2-Inhibitor Empagliflozin zu einer größeren Reduktion der Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin als mit einem der beiden Therapeutika alleine. Für Finerenon liegen inzwischen auch Studienergebnisse vor, die auf eine Wirksamkeit bei nicht-diabetischer CKD hinweisen. Möglicherweise wird dieses Therapieprinzip daher für die allgemeine Progressionshemmung relevant, sagte Heyne.

GLP-1-RA

Semaglutid führte in der Studie FLOW bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und CKD im Vergleich zu Placebo zur Reduktion des Risikos eines kombinierten renalen und Mortalitätsendpunkts um 24 %. In den Endpunkt gingen ein: Nierenversagen, Transplantation, GFR < 15 ml/min/1,73 m², GFR-Abnahme ≥ 50 % und renaler oder kardiovaskulärer Tod. In einer vorab definierten explorativen Analyse der SURPASS-CVOT-Studie gab es Hinweise, dass bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und Atherosklerose unter dem dualen Inkretinagonisten Tirzepatid renale Ereignisse deutlicher reduziert werden als unter dem GLP-1-RA Dulaglutid. Dabei zeigte sich im Verlauf der Studie unter Tirzepatid kurzfristig sogar ein leichter GFR-Anstieg und eine dauerhaft höhere eGFR als in der Dulaglutid-Gruppe. Nach 156 Wochen hatte in der Tirzepatid-Gruppe die eGFR im Median um 4,97 ml/min/1,73 m² abgenommen, in der Dulaglutid-Gruppe um 8,51 ml/min/1,73 m².

Kombinationstherapien effektiver – Remission im Blick

Nach einer Metaanalyse reduziert sich das Progressionsrisiko einer CKD bei Typ-2-Diabetes und RAS-Inhibition im Hintergrund mit einer Kombination aus SGLT2-Inhibitor, GLP-1-RA und/oder nsMRA am deutlichsten. „Erstmals haben wir auch eine Remission einer diabetischen CKD im Blick“, sagte Heyne: Eine Verschlechterung der Nierenfunktion im Verlauf einer CKD, die sich kaum mehr von dem normalen Nierenfunktionsverlust im Alter von etwa 1 ml/min/1,73 m² pro Jahr eGFR bei Normalisierung der Albuminurie unterscheidet. Die Umsetzung der entsprechenden Therapie ist eine Aufgabe für Jahre, ist er sicher. Diabetologen, Nephrologen und Hausärzte müssen alle mit ins Boot geholt werden, wenn der Progress der diabetischen Nephropathie ausgebremst werden soll. 

Autor:
Stand:
05.06.2026
Quelle:
  1. Prof. Dr. Nils Heyne: „Spezielle klinische Aspekte bei Patienten mit diabetischer Nierenkrankheit“, 14. Mai 2026, 60. Diabetes Kongress vom 13.–16. Mai 2026 in Berlin/hybrid.
  2. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group (2024): KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney International. DOI: 10.1016/j.kint.2023.10.018
  3. Madero M et al. (2024): SGLT2 Inhibitor Use in Chronic Kidney Disease: Supporting Cardiovascular, Kidney, and Metabolic Health. Kidney Medicine. DOI: 10.1016/j.xkme.2024.100851 
  4. Wanner C et al. (2025): InspeCKD – Analyse zur Prävalenz, Diagnose und Therapie der chronischen Nierenerkrankung. Die Innere Medizin. DOI: 10.1007/s00108-025-01958-6
  5. Agarval R et al. (2025): Finerenone with Empagliflozin in Chronic Kidney Disease and Type 2 Diabetes. The New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJMoa2410659
  6. Perkovic V et al. (2024): Effects of Semaglutide on Chronic Kidney Disease in Patients with Type 2 Diabetes. The New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJMoa2403347 
  7. Zoungas S et al. (2026): A comparison of the effects of tirzepatide and dulaglutide on major kidney events in people with type 2 diabetes: pre-specified exploratory analyses of the SURPASS-CVOT trial. The Lancet Diabetes & Endocrinology. DOI: 10.1016/S2213-8587(26)00032-X
  8. Neuen BL et al. (2024): Cardiovascular, Kidney, and Safety Outcomes With GLP-1 Receptor Agonists Alone and in Combination With SGLT2 Inhibitors in Type 2 Diabetes: A Systematic Review and Meta-Analysis. Circulation. DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.124.071689 
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