Erektile Dysfunktion

Erektile Dysfunktion bezeichnet die Unfähigkeit, eine ausreichende Erektion für eine zufriedenstellende sexuelle Aktivität aufrechtzuerhalten oder zu erreichen. Die Dysfunktion kann verschiedene Ursachen haben, darunter kardiovaskuläre und auch psychische Erkrankungen.

Erektile Dysfunktion

Definition

Die erektile Dysfunktion wird definiert als eine fortwährend gestörte oder fehlende Erektion des Penis, die für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr nicht ausreichend ist. Die Erektionsstörung sollte für mindestens sechs Monate bestehen.

Epidemiologie

Es ist bekannt, dass die Prävalenz der erektilen Dysfunktion eng mit dem Alter und dem Vorliegen anderer Begleiterkankungen wie Diabetes mellitus, Dyslipidämie, Stress und kardiovaskulären Erkrankungen zusammenhängt. Die European Male Aging Study zeigte abhängig von verschiedenen Altersuntergruppen und mit zunehmendem Alter, eine Prävalenz der erektilen Dysfunktion von 6-64 % mit einer durchschnittlichen Prävalenz von 30%.

Ursachen

Es handelt sich um eine komplexe Erkrankung mit zumeist multifaktorieller Genese. Sowohl psychologische als auch organische Ursachen können zugrunde liegen. Jeglicher Krankheitsprozess, der die penilen Arterien, Nerven, den Hormonspiegel, die glatte Muskulatur oder die Tunica albuginea betrifft, kann eine erektile Dysfunktion verursachen.

Die bei weitem häufigsten organischen Ursachen der erektilen Dysfunktion sind vaskuläre Erkrankungen.

Weitere mögliche Ursachen sind:

Pathogenese

Der entscheidende Prozess bei der Peniserektion ist die Entspannung der glatten Muskulatur im Schwellkörper. Dadurch wird der Blutfluss in diesen erhöht, wodurch der Druck in den Corpora cavernosa steigt, die venösen Gefäße komprimiert und so den venösen Abfluss reduziert.

Dieser Prozess wird durch die paraventrikulären und medialen präoptischen Kerne des Hypothalamus reguliert. Die Signale werden über das parasympathische Nervensystem zu den parasympathischen Nerven des Sakralplexus S2-S4 und dann zum Penis über die kavernösen Nerven weitergeleitet.

Stickstoffmonoxid und Acetylcholin, welche von den terminalen Nerven des Schwellkörpers freigesetzt werden, initiieren durch Vasodilatation den Erektionsprozess, während die Freisetzung von Stickstoffmonoxid aus den Endothelzellen dazu dient die Erektion aufrechtzuerhalten.

Stickstoffmonoxid stimuliert die Produktion von cyclischem Guanosinmonophosphat (cGMP), sobald es in die glatte Muskulatur gelangt. Proteinkinase G wird durch cGMP aktiviert und öffnet Kaliumkanäle, während gleichzeitig Calciumkanäle geschlossen werden. Ein niedriger intrazellulärer Calciumspiegel führt zur Entspannung des glatten Muskelgewebes im Schwellkörper, was zu einem erhöhten arteriellen Blutfluss bei gleichzeitiger venöser Okklusion führt.

Das Ergebnis ist eine steife Erektion. Sobald das cGMP durch die Phosphodiesterase Typ5 (PDE-5) abgebaut wird, zieht sich die glatte Muskulatur des Schwellkörpers wieder zusammen und der Prozess kehrt sich um.

Pathologien die einen der oben genannten Prozesse betreffen, können zu einer erektilen Dysfunktion führen.

Neurogene Ursachen

Die erektile Dysfunktion wird durch mangelnde Nervensingale zu den Corpora cavernosa verursacht. Solche Defizite können beispielsweise auf eine Rückenmarksverletzung, Multiple Sklerose, Parkinson Erkrankung, lumbale Bandscheibenvorfälle und Diabetes mellitus zurückzuführen sein.

Vaskuläre Ursachen

Vaskuläre Erkrankungen und endotheliale Dysfunktionen führen durch reduzierten Bluteinstrom zu einer erektilen Dysfunktion. Arterielle Wandveränderungen, wie eine verminderte Elastizität, sind auf einen erhöhten Blutdruck im Rahmen einer Hypertonie zurückzuführen. Darüber hinaus kann eine durch Diabetes mellitus, Dyslipidämie und/oder Nikotinabusus hervorgerufene Arteriosklerose zur Stenose von Arterien führen.

Symptome

Die Symptomatik der erektilen Dysfunktion kann individuell variieren. Dabei lassen sich besonders die Symptome der psychogenen von denen der organischen erektilen Dysfunktion unterscheiden.

Psychogene erektile Dysfunktion:

  • Plötzlicher Beginn
  • Situative erektile Dysfunktion
  • Vorhandensein von Morgenerektion
  • Ansprechen auf PDE-5-Hemmer ist wahrscheinlich

Organische erektile Dysfunktion

  • Schleichender Beginn
  • Meist fortschreitende Dysfunktion
  • Konstant schlechte erektile Funktion
  • Erektion besser in aufrechter Position als im Liegen (bei Vorliegen eines venösen Lecks)

Diagnostik

Vor weiteren spezielleren Untersuchungen sind eine detaillierte Anamnese mit vollständiger Medikamentenanamnese und eine körperliche Untersuchung erforderlich.

Die Einbeziehung des sexuellen Partners in den Behandlungsprozess verbessert das Ergebnis erheblich.

Es sollte eine umfassende kardiovaskuläre Untersuchung durchgeführt werden, da die erektile Dysfunktion das erste Symptom einer ansonsten stillen kardiovaskulären Erkrankung sein kann.

Zudem sollten folgende Untersuchungen erfolgen:

  • Palpation der peripheren Pulse
  • Blutdruck-Messung
  • Untersuchung der Genitalien auf Größe der Hoden, Anzeichen einer Infektion und Vorhandensein von Plaques oder einer Phimose
  • Untersuchung der Brustgröße (Gynäkomastie) und Körperbehaarung
  • Ausführliche neurologische Untersuchung
  • Auslösbarkeit des Cremasterreflexes

Laboruntersuchung

Routinemäßige Blutuntersuchungen umfassen:

  • vollständiges Blutbild
  • Elektrolyte
  • HbA1c und Nüchternblutzucker
  • Lipidprofil: Cholesterin, Triglyceride
  • Leberwerte: GOT, GPT, Bilirubin
  • Nierenwerte: Kreatinin, Harnstoff, Harnsäure
  • Morgendliche Testosteronspiegelbestimmung, Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG)
  • Prolaktin, Luteinisierendes Hormon (LH), Follikel-stimulierendes Hormon (FSH), Thyreoidea-stimulierendes Hormon (TSH)

Weitere Untersuchungen für ausgewählte Patienten

Penile Biothesiometrie

Die penile Biothesiometrie ist ein Test zum Screening auf penile Neuropathie unter Verwendung der Hautschwingungswelle. Es wird die Schwellenvibrationsempfindlichkeit des Penis mittels einer vibrierenden Sonde bestimmt und mit den normalen Standards verglichen.

Nächtliche Tumeszenzmessung

Bei der Untersuchung werden die Häufigkeit, die Tumeszenz, die Dauer und die maximale Steifigkeit nächtlicher Erektionen gemessen. Dadurch können psychogene von organischen Erektionsstörungen unterschieden werden. Die Methode wird heutzutage allerdings selten verwendet.

Duplex-/Doppler-Sonographie der Penisgefäße

Bei dieser Untersuchung wird der arterielle Blutfluss zu den Corpora cavernosa gemessen und eine kavernöse Insuffizienz geprüft. Nach Injektion von Prostaglandin E1 werden die Spitzen-Systolengeschwindigkeiten gemessen. Ein normaler Wert liegt bei über 35 cm/s, während ein Wert unter 25 cm/s auf eine arterielle Insuffizienz hinweist.

Bei kavernöser venöser Insuffizienz zeigt sich eine verminderte Rigidität der Peniskorpora trotz ausreichendem arteriellem Zufluss.

Dynamische Infusions-Kavernosografie und Kavernosografie

Die Kavernosografie wird bei jungen Männern zur Beurteilung eines venösen Lecks durchgeführt. Dies geschieht in der Regel bei Patienten mit Becken- oder Perinealtrauma oder bei primär erektiler Dysfunktion. Die Untersuchung gehen meist einer vaskulären Rekonstruktionschirurgie voraus.

Pudendale Arteriographie

Die pudendale Arteriographie veranschaulicht die arterielle Gefäßversorgung des Penis. Sie wird ebenfalls bei Trauma vor einer Revaskularisierungsoperation durchgeführt.

Therapie

Die initiale Behandlung der erektilen Dysfunktion basiert auf Lebensstilanpassungen, wie einer gesteigerten körperlichen Aktivität, einer mediterranen Diät oder Ernährungsberatung und einer guten Einstellung von Diabetes mellitus, Lipid- und Cholesterinwerten.

Bei psychologischer Ursache sollte eine psychosexuelle Beratung angeboten werden und bestenfalls auch der Partner mit einbezogen werden.

PDE-5-Inhibitoren

Orale PDE-5-Inhibitoren wie Sildenafil und Tadalafil sind in der Regel die Erstlinienbehandlung bei erektiler Dysfunktion. Sie wirken, indem sie den Abbau von cGMP durch Inhibition der Phosphodiesterase verringern. Dies führt zu einer Entspannung der glatten Muskulatur im Schwellkörper und somit zu einem verbesserten Blutfluss.

  • Sildenafil: 50 mg oral, etwa eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr bei einer Tagesmaximaldosis von 100 mg, Einnahme nur einmal täglich [5]
  • Tadalafil: 10-20 mg oral, mindestens 30 Minuten vor dem Geschlechtsverkehr, Einnahme nur einmal täglich [6]

Patienten mit Hypogonadismus können von einer zusätzlichen Testosteronsubstitution in Kombination mit der PDE-5-Inhibitor-Therapie profitieren.

Vakuumpumpe

Externe Vakuumpumpen sind eine gute nicht-chirurgische Option für viele Patienten mit erektiler Dysfunktion. Der äußere Zylinder des Geräts wird über den Penis gelegt und bildet eine luftdichte Abdeckung. Durch die Vakuumpumpe wird ein Unterdruck um den Penis erzeugt, wodurch sich die Schwellkörper mit Blut füllen. Die künstliche Erektion kann bis zu 30 Minuten aufrechterhalten werden.

Intrakavernöse Injektionen mit Prostaglandin E1 (Alprostadil)

Diese Behandlungsoption gilt als Zweitlinientherapie bei erfolgloser Therapie mit PDE-5-Inhibitoren. Eine einzelne Injektion an der Seite des Penischafts ist ausreichend. Prostaglandin E1 bewirkt an den Schwellkörpern eine Muskelentspannung und ruft hierdurch eine Erektion hervor.

Es erfolgt meist eine Kombinationstherapie mit weiteren vasoaktiven Substanzen.

Dosierungen können bei Bedarf auf die doppelte Stärke angepasst werden. Das Versagen der intrakavernösen Injektionstherapie ist ein guter diagnostischer Indikator für eine vaskuläre erektile Dysfunktion.

Intraurethrale Prostaglandin-E1-Suppositoren

Das Suppositorium wird nach Entleerung der Harnblase in die distale Harnröhre eingeführt. Prostaglandin E1 gelangt von dort zu den Schwellkörpern und bewirkt eine Erektion.

Penisprothese

Chirurgisch-invasive Behandlungsmethoden werden nach Versagen aller anderen weniger invasiven Maßnahmen angeboten. Penisprothesen werden chirurgisch in die Schwellkörper eingeführt, um die erektile Funktion künstlich wiederherzustellen. Es werden zwei verschiedene Typen unterschieden: biegsame und aufblasbare Prothesen.

Penile Revaskularisierungschirurgie

Die penile Revaskularisierungschirurgie wird bei jungen Patienten mit erektiler Dysfunktion nach Becken- oder Perinealtrauma in Betracht gezogen. Die Revaskularisierung erfolgt durch Verbindung der Arteria epigastrica inferior mit der Arteria dorsalis penis oder direkt mit dem Corpus cavernosum.

Prognose

Die Prognose der sexuellen Dysfunktion ist abhängig von der zugrundeliegenden Ursache. Psychosexuelle Ursachen sprechen in der Regel gut auf eine psychologische Behandlung an. Bei Versagen der zahlreichen nicht-operativen Behandlungsmöglichkeiten, kann die Implantation einer Penisprothese erfolgversprechend sein. Nahezu jeder Patient mit erektiler Dysfunktion kann erfolgreich mit den derzeit verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten therapiert werden.

Prophylaxe

Verschiedene Maßnahmen können das Risiko für die Entwicklung von Erektionsstörungen verringern. Hierzu gehört die Kontrolle von kardiovaskulären Erkrankungen wie einer Hypertonie, ein effektives Diabetesmanagement, Stressbewältigung, sowie ein gesunder Lebensstil mit Erreichen und Aufrechterhalten eines gesunden Körpergewichts.

Autor:
Stand:
19.07.2023
Quelle:
  1. Sooriyamoorthy T, Leslie SW (2023). Erectile Dysfunction. StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing.
  2. AWMF: S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der erektilen Dysfunktion (Hinweis: seit Februar 2023 abgelaufen)
  3. Corona G et al. (2010). Age-related changes in general and sexual health in middle-aged and older men: results from the European Male Ageing Study (EMAS). The journal of sexual medicine. doi:10.1111/j.1743-6109.2009.01601.x
  4. Yafi, F. A. et al. (2016). Erectile dysfunction. Nature reviews. Disease primers.
  5. Fachinformation Viagra
  6. Fachinformation Cialis
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