Interstitielle Lungenerkrankungen sind über 200 chronische Lungenerkrankungen, die das Interstitium betreffen. Sie führen zu Fibrosierung, Entzündung und Umbauprozessen mit eingeschränktem Gasaustausch. Ursachen reichen von Umweltfaktoren bis zu Autoimmunerkrankungen
Interstitielle Lungenerkrankungen umfassen eine heterogene Gruppe von Krankheitsbildern, die das Interstitium, die Alveolen und Bronchiolen betreffenund zu entzündlicher und/oder fibrotischer Veränderung führen. Zu den wichtigsten Subtypen zählen idiopathische pulmonale Fibrose (IPF), nicht‑spezifische interstitielle Pneumonie (NSIP), ILD bei systemisch autoimmunen Erkrankungen und Hypersensitivitätspneumonitis. Ziel der Therapie ist es, die Progression zu verzögern, Symptome zu lindern und Komplikationen wie pulmonale Hypertonie zu verhindern.
Epidemiologie
Die idiopathischen interstitiellen Pneumonien bilden mit etwa 50 % die größte Gruppe der ILD ab, wobei die IPF die häufigste Erkrankung aus dieser Gruppe ist. Zuverlässige Zahlen zur Prävalenz in Deutschland fehlen, jedoch wird angenommen, dass die Inzidenzraten der IPF in Europa und Nordamerika zwischen 6,8 bis 16,3/100.000 Einwohner und Jahr liegen, bei einer Prävalenz von 2 und 29 Fälle/100.000 Einwohner.
Die Erkrankung tritt bevorzugt bei Männern ab dem 60. Lebensjahr auf, mit einem Verhältnis von etwa 3–4:1.
Neben der IPF tritt eine ILD häufig als Komplikation rheumatischer Erkrankungen oder Kollagenosen auf:
Etwa ein Drittel der Patienten mit rheumatoider Arthritis entwickelt eine ILD, wobei nur 10–20 % klinisch diagnostiziert werden.
Bei der systemischen Sklerose sind je nach Subtyp bis zu 50 % der Patienten betroffen.
Mit Sarkoidose, mit Kollagenosen assoziierte ILDs oder seltenere Formen der ILDs treten bereits im Alter von 20-40 Jahren auf.
Pathogenese
Interstitielle Lungenerkrankungen gehen mit entzündlichen oder fibrotischen Veränderungen im Interstitium, in den Alveolen und den kleinen Atemwegen einher. ILDs lassen sich anhand charakteristischer Merkmale in der Klinik, Bildgebung und Gewebediagnostik voneinander abgrenzen. Die Einteilung erfolgt üblicherweise in vier Hauptkategorien.
Die genauen Ursachen der meisten idiopathischen, fibrosierenden interstitiellen Lungenerkrankungen sind bislang nicht vollständig geklärt. Aktuelle Studien deuten jedoch darauf hin, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt, bei dem genetische Prädispositionen mit Umweltfaktoren und Komorbiditäten interagieren.
Bis zu 20% der Fälle zeigen eine familiäre Häufung oder genetische Veranlagung, insbesondere im Zusammenhang mit Veränderungen von löslichen Mediatoren und Strukturproteinen der Lunge. Zu den bedeutendsten Umweltfaktoren zählen Zigarettenrauch, Feinstaub, organische Stoffe aus Schimmelpilzen oder Vogeleiweißen sowie berufliche Expositionen. Auch Begleiterkrankungen wie die gastroösophageale Refluxkrankheit werden als mögliche Auslöser diskutiert.
Die Entstehung fibrosierender ILDs scheint durch genetische Anfälligkeit geprägt zu sein, die in Kombination mit äußeren Risikofaktoren zu einer fehlgesteuerten Wundheilung und progressiven Fibrosierung des Lungengewebes führt.
Symptome
Die Symptomatik einer ILD beginnt in der Regel schleichend und nimmt mit der Zeit zu. Typische Beschwerden sind:
zunehmende Atemnot zunächst unter Belastung, später auch in Ruhe
trockener Reizhusten (v. a. bei IPF)
Müdigkeit und Appetitlosigkeit.
Bei fortgeschrittener ILD: Sauerstoffmangel, pulmonale Hypertonie mit Cor pulmonale, respiratorische Insuffizienz.
Diagnostik
Die Diagnostik interstitieller Lungenerkrankungen erfordert ein strukturiertes und interdisziplinäres Vorgehen, das anamnestische, klinische, funktionelle und bildgebende Aspekte miteinander kombiniert. Ziel ist es, die Ursache einzugrenzen, das Ausbreitungsmuster zu erfassen und andere Erkrankungen auszuschließen.
Anamnese
Ein zentraler erster Schritt ist die ausführliche Erhebung der Medikamentenvorgeschichte, des Nikotinkonsums, möglicher beruflicher oder umweltbedingter Schadstoffexpositionen sowie Familien- und Reiseanamnesen. Diese Hinweise können differenzialdiagnostisch richtungsweisend sein.
Klinische Untersuchung
Bei der klinischen Untersuchung interstitieller Lungenerkrankungen ist die Auskultation besonders aussagekräftig: Typisch ist ein beidseitiges, basales inspiratorisches Knisterrasseln, auch als Sklerosiphonie bezeichnet, sowie ein lautes, reibendes Geräusch („Korkenreiben“). Weitere klinische Hinweise auf eine restriktive Ventilationsstörung sind ein hochstehendes Zwerchfell sowie ein abruptes Ende der Einatmung bei tiefer Inspiration (sog. inspiratorischer Stopp). Ergänzend zeigt die Blutgasanalyse häufig einen erniedrigten Sauerstoffpartialdruck (pO₂), insbesondere unter körperlicher Belastung.
Zudem kann es im späteren Verlauf der Erkrankung durch die chronische Hypoxie zu Trommelschlägelfingern und Uhrglasnägeln kommen.
Laboruntersuchungen
Zur Abklärung möglicher autoimmunologischer Ursachen:
FEV₁ kann im Verlauf ebenfalls sinken, Tiffeneau-Index bleibt normal
Diffusionskapazität ist in der Regel stark reduziert und gilt als sensitiver Verlaufsparameter
Röntgen-Thorax
basale retikuläre Zeichnungsvermehrung mit Honigwabenmuster (Zystenbildung)
Sarkoidose: hiläre Lymphadenopathie, noduläre Verschattungen in mittleren bis oberen Feldern
Hochauflösende Computertomographie (HRCT)
Die HRCT ist der Goldstandard in der ILD-Diagnostik. Abhängig von dem Typ der ILD kann sich das CT-Bild hinsichtlich radiologischer Zeichen und der Verteilung unterschiedlich darstellen. Für eine IPF typische Befunde sind eine basale und periphere Verteilung von:
Bronchoalveoläre Lavage (BAL): Bei allen Patienten mit neu entdeckter ILD unklarer Ursache und klinischem Verdacht auf eine IPF. Dient der Zelltypisierung und dem Ausschluss von Infektionen.
Transbronchiale Biopsie oder chirurgische Lungenbiopsie bei unklaren Fällen
Therapie
Medikamentöse Therapie
IPF und NSIP: Immunmodulatoren Nintedanib oder Pirfenidon zur antifibrotischen Therapie
Einsatz immunmodulierender Substanzen bei entzündlich-fibrosierenden ILDs mit bekannter systemischer Grunderkrankung (z.B. Systemische Sklerose-ILD und rheumatoide Arthritis-ILD): Mycophenolat, Azathioprin, Rituximab, Cyclophosphamid, Tocilizumab
Bei Exazerbation: Glukokortikoide in mittlerer bis hoher Dosis
Kausale Therapie bei bekannter Ursache: bspw. Antibiotika
Lungentransplantation: als letzte therapeutische Option („Ultima Ratio“) bei therapierefraktärer ILD.
Prognose
Die Prognose von ILDs hängt stark von der zugrunde liegenden Entität, dem Diagnosezeitpunkt und dem Management möglicher Komplikationen ab. Unbehandelt beträgt die mediane Überlebenszeit bei IPF nur etwa drei bis fünf Jahre. Durch eine Lungentransplantation kann diese auf etwa fünf bis sieben Jahre gesteigert werden. Die Global Burden of Disease Study prognostiziert eine Verdopplung der ILD-bedingten Todesfälle in den nächsten 20 Jahren, vor allem durch Zunahme fibrotischer Erkrankungen.
Prophylaxe
Früherkennung und Monitoring bei Patienten mit Grunderkrankungen, die mit ILDs assoziiert sind.
Umwelt- und Arbeitsschutz: Meiden von inhalativen Schadstoffen (z. B. Asbest, Quarzstaub)
Management von Risikofaktoren: Rauchstopp, Infektionsprophylaxe (Impfungen), frühzeitiges Eingreifen bei akuter Exazerbation.
Kreuter et al.: The Diagnosis and Treatment of Pulmonary FibrosisIn: Deutsches Ärzteblatt international. 2021, DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0018
S1 Leitlinie Interdisziplinäre Diagnostik interstitieller Lungenerkrankungen im Erwachsenenalter. AWMF Register Nr. 020 – 028, Version 1.1 vom 06.01.2023
S2K Leitlinie zur Diagnostik der Idiopathischen Lungenfibrose. AWMF-Register Nr. 020/016, Version 3.0 vom 17.12.2019
Saavedra et al. (2024): Treatment of rheumatoid arthritis-associated interstitial lung disease: An appraisal of the 2023 ACR/CHEST guideline. Curr Treatm Opt Rheumatol, DOI: 10.1007/s40674-024-00217-3