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Wirkstoffgruppen
Anthelminthika sind antiparasitäre Arzneistoffe zur gezielten Behandlung von Wurminfektionen. Je nach Wirkstoff wirken sie gegen Nematoden, Cestoden oder Trematoden und kommen bei intestinalen sowie systemischen Helminthosen zum Einsatz.
Anwendung
Anthelminthika sind Arzneistoffe zur Behandlung von Helminthosen (parasitäre Wurminfektionen). Dazu zählen:
- Cestoden (Bandwürmer)
- Trematoden (Saugwürmer)
- Nematoden (Fadenwürmer)
Das Anwendungsspektrum reicht von häufigen intestinalen Wurminfektionen wie Ascariasis, Enterobiasis oder Taeniasis bis hin zu systemischen oder schwer verlaufenden Erkrankungen wie Strongyloidiasis, Echinokokkose oder Schistosomiasis. Je nach Erreger, Entwicklungsstadium des Parasiten und Krankheitsausprägung kommen unterschiedliche Wirkstoffe und Therapieschemata zum Einsatz.
Wirkmechanismus
Anthelminthika wirken über unterschiedliche pharmakologische Angriffspunkte, die sich nach Wirkstoffklasse unterscheiden.
Praziquantel
Praziquantel entfaltet seine anthelminthische Wirkung gegen Trematoden und Cestoden durch eine Schädigung des synzytialen Integuments der Parasiten. Es kommt zu einer Störung der Membranpermeabilität mit vermehrtem Einstrom von Calciumionen, was eine Kontraktur der Parasitenmuskulatur und eine spastische Lähmung auslöst. Bei ausgeprägter Schädigung führt dieser Prozess zum Absterben der Parasiten.
Ivermectin
Ivermectin bindet mit hoher Affinität an glutamatgesteuerte Chloridkanäle in Nerven- und Muskelzellen von Invertebraten. Der vermehrte Einstrom von Chloridionen verursacht eine Hyperpolarisation der Zellmembran, wodurch die neuromuskuläre Erregungsleitung blockiert wird. Dies führt zur Lähmung und zum Absterben der Parasiten. Zusätzlich kann Ivermectin mit weiteren ligandengesteuerten Chloridkanälen, unter anderem GABA-A-Rezeptor-vermittelten Chloridkanälen, interagieren. Aufgrund der fehlenden glutamatgesteuerten Chloridkanäle bei Säugetieren und der geringen Passage der Blut-Hirn-Schranke ist die Wirkung selektiv auf Parasiten begrenzt.
Mikrotubuli-Inhibitoren
Albendazol und Mebendazol sind Mikrotubuli-Inhibitoren aus der Gruppe der Benzimidazole. Albendazol hemmt die Polymerisierung von Tubulin im zytoplasmatischen Mikrotubulussystem der Parasiten. Dadurch wird der Stoffwechsel der Helminthen gestört, was zu Immobilisierung und Absterben führt. Mebendazol bindet ebenfalls spezifisch an parasitäres Tubulin und verursacht degenerative Veränderungen des intestinalen Mikrotubulussystems. Die Aufnahme von Glukose und anderen Nährstoffen wird gehemmt, die Glycogenreserven werden aufgebraucht und der Intestinaltrakt der Würmer irreversibel geschädigt. Beide Wirkstoffe wirken larvizid, ovizid und vermizid, wobei Mebendazol eine deutlich geringere Affinität zu Säugetier-Tubulin als zu parasitärem Tubulin aufweist.
Pyrvinium
Pyrvinium hemmt bei Enterobius-Infektionen die Glucoseresorption der Parasiten. Der daraus resultierende Energiemangel führt zu einer fortschreitenden Schwächung und schließlich zum Absterben der Würmer.
Imidazole
Pyrantel wirkt als neuromuskulärer Blocker bei empfindlichen Würmern. Durch eine anhaltende Depolarisation der neuromuskulären Endplatte werden die Parasiten immobilisiert und anschließend mit der Darmperistaltik ausgeschieden. Pyrantel ist im Intestinaltrakt gegen reife und unreife Stadien wirksam, nicht jedoch gegen die Eier der Parasiten.
Nebenwirkungen
Unter einer Therapie mit Anthelminthika können abhängig von der Art und Dosierung des Wirkstoffs eine Vielzahl von Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten und bedeutendsten Nebenwirkungen zählen:
Gastrointestinale Beschwerden
Häufige Nebenwirkungen nahezu aller Anthelminthika sind Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö.
Zentralnervöse und allgemeine Symptome
Bei allen Anthelminthika sind Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit als häufige Nebenwirkung beschrieben. Zudem können allgemeine Symptome wie Fieber, Schwäche und Benommenheit auftreten.
Erkrankungen der Haut und des Unterhautzellgewebes
Unter Anthelminthika sind Hautreaktionen wie Juckreiz und Urtikaria häufig. Gelegentlich können auch Exantheme auftreten. In sehr seltenen Fällen kann während der Therapie mit Ivermectin, Albendazol oder Mebendazol das potenziell lebensbedrohliche Stevens-Johnson-Syndrom auftreten.
Hepatotoxizität
Erhöhte Lebertransaminasen sind insbesondere unter Ivermectin, Pyrantel, Albendazol und Mebendazol bei längerer Anwendung beschrieben.
Hämatologische Veränderungen
Unter Langzeittherapie mit Albendazol oder Mebendazol kann es zu hämatologischen Veränderungen wie Neutropenie kommen.
Haarausfall
Unter der Anwendung von Albendazol kann es häufig zu reversiblem Haarausfall (Ausdünnung der Haare oder moderater Haarausfall) kommen.
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung der jeweiligen Anthelminthika zu beachten:
Praziquantel
Praziquantel unterliegt einem ausgeprägten hepatischen Metabolismus über Cytochrom-P450-Enzyme. Enzyminhibitoren wie Cimetidin, Ketoconazol oder Itraconazol können die Plasmakonzentrationen erhöhen, während Enzyminduktoren wie Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital, Primidon, Dexamethason oder Rifampicin zu verminderten Wirkstoffspiegeln und Wirksamkeitsverlust führen können. Dexamethason sollte mindestens eine Woche vor der Behandlung abgesetzt werden. Grapefruitsaft kann die Exposition moderat erhöhen. Die gleichzeitige Anwendung mit Efavirenz wird wegen des Risikos eines Therapieversagens nicht empfohlen.
Ivermectin
Für Ivermectin liegen keine systematischen Studien zu Arzneimittelwechselwirkungen vor. Klinisch relevante Wechselwirkungen sind bislang nicht beschrieben.
Albendazol
Die gleichzeitige Gabe von Cimetidin, Praziquantel oder Dexamethason kann die Plasmakonzentration des aktiven Metaboliten Albendazolsulfoxid erhöhen. Enzyminduktoren wie Phenytoin, Carbamazepin oder Phenobarbital sowie Ritonavir können die Plasmaspiegel senken und damit die Wirksamkeit, insbesondere bei systemischen Helminthosen, vermindern. Eine klinische Überwachung und gegebenenfalls Anpassung des Therapieschemas sind angezeigt.
Mebendazol
Cimetidin kann den hepatischen Abbau von Mebendazol verzögern und die Plasmakonzentrationen erhöhen, insbesondere bei längerer Anwendung. Enzyminduktoren wie Phenytoin oder Carbamazepin sowie Ritonavir können die Wirkstoffaufnahme und -konzentration vermindern. Die Kombination mit Metronidazol sollte vermieden werden. Bei Diabetikern kann Mebendazol den Insulinbedarf senken, weshalb eine engmaschige Blutzuckerkontrolle erforderlich ist.
Pyrvinium
Für Pyrvinium sind bislang keine klinisch relevanten Wechselwirkungen bekannt.
Pyrantel
Pyrantel sollte nicht gleichzeitig mit Piperazin angewendet werden, da antagonistische Wirkmechanismen bestehen. Bei gleichzeitiger Gabe mit Theophyllin kann es zu einem Anstieg der Theophyllin-Serumspiegel kommen, weshalb eine Kontrolle empfohlen wird.
Kontraindikationen
Bei der Anwendung der einzelnen Anthelminthika sind unterschiedliche Kontraindikationen zu beachten:
Praziquantel
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
- intraokulare Zystizerkose
- Die gleichzeitige Gabe von Rifampicin ist zu vermeiden, da therapeutisch wirksame Praziquantel-Plasmaspiegel möglicherweise nicht erreicht werden.
Ivermectin
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
Albendazol
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
- Während der Schwangerschaft oder bei Frauen, von denen angenommen wird, dass sie schwanger sind, sollte Albendazol nicht angewendet werden.
- Die Albendazol-Behandlung von Kindern unter 6 Jahren ist wegen fehlender therapeutischer Erfahrungen nicht zu empfehlen
Mebendazol
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
- Leberschäden
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Kinder unter zwei Jahren
Pyrvinium
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
- Leberschädigungen
- Entzündliche Darmerkrankungen
- Niereninsuffizienz
Pyrantel
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, Soja oder Erdnuss
- Vorbestehende Leberschädigung
Wirkstoffe
Anthelminthika werden abhängig vom Wirkstoff gezielt zur Therapie unterschiedlicher parasitärer Wurmerkrankungen eingesetzt. Die Auswahl des richtigen Anthelminthikums richtet sich nach Erreger, Entwicklungsstadium des Parasiten und Krankheitsausprägung.
Die wichtigsten Anwendungsgebiete sind:
Praziquantel
- Infektionen durch Trematoden, beispielsweise Schistosomiasis
- Infektionen durch Cestoden, beispielsweise Taenia-Infektionen und Diphyllobothriasis
Ivermectin
- Behandlung der Skabies
- Therapie von Kopf- und Filzläusen (Off-Label)
- Behandlung der Rosazea (topische Therapie)
- Infektionen durch Nematoden, unter anderem Strongyloidiasis und Ascariasis
Albendazol
- Infektionen durch Nematoden, beispielsweise Ascariasis, Strongyloidiasis, Trichinose und Ancylostomatidose
- Infektionen durch Cestoden, darunter Taenia-Infektionen und Echinokokkose
Mebendazol
- Infektionen durch Nematoden, einschließlich Enterobiose, Ascariasis, Ancylostomatidose, Trichuriasis, Trichinose und Strongyloidiasis
- Infektionen durch Cestoden, insbesondere Taenia-Infektionen
Pyrvinium
- Behandlung der Enterobiose (Oxyuriasis)
Pyrantel
- Infektionen durch Nematoden wie Enterobiose, Ascariasis und Ancylostomatidose