Anti-CD20-Therapeutika

Anti-CD20-Therapeutika binden CD20 auf der Zelloberfläche von B-Lymphozyten und führen so zur Elimination spezifischer B-Zellen. Aufgrund dessen werden sie zur Behandlung von B-Zell-Malignomen und bestimmten Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose eingesetzt.

Anwendung

Anti-CD20-Therapeutika finden in folgenden klinischen Indikationen Anwendung:

Es ist zu beachten, dass die Wahl des spezifischen Anti-CD20-Therapeutikums stark vom individuellen Krankheitsstadium, der Krankheitsaktivität und der vorherigen Therapie des Patienten abhängt.

Wirkmechanismus

Anti-CD20-Therapeutika sind monoklonale Antikörper, die spezifisch gegen das CD20-Antigen gerichtet sind, ein Transmembranprotein, das auf B-Zellen exprimiert wird. Die anti-CD20-Antikörper wie Rituximab, Ofatumumab, Obinutuzumab und Ocrelizumab können effektiv auf CD20 exprimierenden Zellen binden und so spezifisch B-Zellen eliminieren, während Stammzellen, Pro-B-Zellen, Plasmablasten und Plasmazellen, welche weniger CD20 exprimieren, größtenteils verschont bleiben.

Die Elimination der B-Zellen erfolgt über mehrere Mechanismen:

  • Komplementabhängige Zytotoxizität: Die Bindung von Anti-CD20-Antikörpern an CD20-Zellmembranproteine auf B-Zellen aktiviert das Komplementsystem, was zur Bildung des Membranangriffskomplexes und somit zur Lyse der Zielzellen führt.
  • Antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität: Nach Bindung des Anti-CD20-Antikörpers an die Zielzelle bindet der Fc-Teil des Antikörpers an Fc-Rezeptoren auf effektorischen Immunzellen wie NK-Zellen, Monozyten und Makrophagen, was zur Aktivierung der Immunzellen und zur Lyse der Zielzellen führt.
  • Antikörper-induzierte Apoptose: Einige Anti-CD20-Antikörper wie Rituximab können nach Bindung an CD20 die intrinsische Apoptosekaskade auslösen, was zur Selbstzerstörung der Zielzelle führt.
  • Immunmodulation: Jüngste Untersuchungen deuten darauf hin, dass Anti-CD20-Therapeutika auch immunmodulatorische Wirkungen haben können, indem sie die Expression von Zytokinen und die Funktion von T-Zellen modulieren.

Jeder dieser monoklonalen Anti-CD20-Antikörper hat eine spezifische pharmakokinetische und pharmakodynamische Profilierung aufgrund von Unterschieden in der Struktur, Fc-Glykosilierung, Bindungsaffinität und -kinetik, was zu unterschiedlichen klinischen Effekten und Nebenwirkungsprofilen führen kann.

So besitzen beispielsweise Obinutuzumab und Ofatumumab eine höhere Affinität und längere Bindungszeiten zu CD20 im Vergleich zu Rituximab, was zu einer stärkeren ADCC und CDC führt.

Ocrelizumab hingegen ist ein humanisierter Antikörper, der entwickelt wurde, um immunogene Reaktionen zu minimieren.

Anti-CD20-Therapeutika

Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen der Anti-CD20-Therapeutika können gruppenspezifisch variieren. Zu den unerwünschten Arzneimittelwirkungen zählen:

  • Infusionsreaktionen: Diese können Fieber, Schüttelfrost, Urtikaria, Bronchospasmus und Hypotonie umfassen. Sie treten in der Regel während oder nach der ersten Infusion auf. Vorbeugende Maßnahmen wie die Verabreichung von Antihistaminika, Analgetika und Kortikosteroiden können die Schwere dieser Reaktionen verringern.
  • Infektionen: Durch die Depletion der B-Zellen kann das Risiko für bakterielle, virale und Pilzinfektionen erhöht sein. Insbesondere das Risiko für Hepatitis B-Reaktivierung und Progressive Multifokale Leukenzephalopathie sollte beachtet werden.
  • Kardiotoxizität: In seltenen Fällen kann die Verwendung von Anti-CD20-Therapeutika mit kardiovaskulären Ereignissen wie Herzinsuffizienz, Arrhythmien und Myokardinfarkt in Verbindung gebracht werden.
  • Hämatologische Nebenwirkungen: Neutropenie, Anämie und Thrombozytopenie sind bekannte Nebenwirkungen von Anti-CD20-Therapeutika.

In einigen Fällen wurde die Therapie mit Anti-CD20-Antikörpern mit schweren Hautreaktionen und Lebertoxizität in Verbindung gebracht. Sollte es bei Patienten zu solchen Symptomen kommen, muss die Anti-CD20-Therapie sofort abgebrochen und eine geeignete medizinische Überwachung eingeleitet werden.

Wechselwirkungen

Die Interaktionen von Anti-CD20-Therapeutika mit anderen Medikamenten sind in ihrer Gesamtheit noch nicht vollständig charakterisiert. Einige Wechselwirkungen werden vermutet:

  • Immunmodulierende Therapeutika: Die gleichzeitige Anwendung von Anti-CD20-Antikörpern mit anderen immunmodulierenden Arzneimitteln wie Methotrexat, Cyclophosphamid oder Fludarabin kann die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Therapeutika beeinflussen. In einigen Fällen kann dies zu einer erhöhten Immunsuppression und einem höheren Risiko für Infektionen führen. Eine genaue klinische Überwachung ist in solchen Situationen erforderlich.
  • Lebendimpfstoffe: Da Anti-CD20-Antikörper das Immunsystem beeinflussen, können sie die Reaktion des Körpers auf Impfstoffe verändern. Insbesondere bei Lebendimpfstoffen kann das Risiko einer Infektion mit dem Impfstamm erhöht sein. Daher wird in der Regel empfohlen, Lebendimpfungen zu vermeiden, während der Patient mit Anti-CD20-Therapeutika behandelt wird und bis die B-Zell-Zahlen wieder normal sind.
  • Weitere mögliche Interaktionen: Theoretisch können Anti-CD20-Therapeutika die Pharmakokinetik und -dynamik von anderen biologischen Arzneimitteln, Zytostatika, Glucocorticoiden und anderen immunmodulierenden Therapeutika beeinflussen. Allerdings sind spezifische Interaktionen in diesen Kategorien bislang noch nicht ausreichend dokumentiert.

Kontraindikationen

Anti-CD20-Therapeutika haben bestimmte Kontraindikationen, die berücksichtigt werden müssen, um die Sicherheit und Effektivität der Behandlung zu gewährleisten.

  • Allergische Reaktionen: Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels. Eine vorherige allergische oder anaphylaktische Reaktion auf Anti-CD20-Therapeutika stellt eine absolute Kontraindikation dar.
  • Aktive, schwere Infektionen: Bei Patienten mit schweren aktiven Infektionen, einschließlich Tuberkulose, Hepatitis B, Hepatitis C und HIV, sollten Anti-CD20-Therapeutika mit Vorsicht eingesetzt werden, da diese das Infektionsrisiko erhöhen können. Eine aktive Hepatitis B-Infektion ist eine Kontraindikation für die Verwendung von Anti-CD20-Antikörpern aufgrund des Risikos einer Hepatitis B-Reaktivierung. [1]
  • Schwere Herzinsuffizienz (NYHA Klasse IV): Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz können ein erhöhtes Risiko für kardiale Komplikationen während der Anti-CD20-Therapie aufweisen.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Anti-CD20-Therapeutika sollten bei schwangeren oder stillenden Frauen nur dann angewendet werden, wenn der erwartete Nutzen das potenzielle Risiko für das ungeborene Kind oder den Säugling überwiegt, da die Sicherheit dieser Medikamente in dieser Population nicht ausreichend untersucht ist.
  • Impfungen: Wie bereits erwähnt, ist die Verwendung von Lebendimpfstoffen während der Behandlung mit Anti-CD20-Therapeutika kontraindiziert, da das Immunsystem beeinträchtigt ist und dies zu Infektionen mit dem Impfstamm führen kann.

Alternativen

Sollten unerwünschte Wirkungen wie Infusionsreaktionen oder andere schwerwiegende Nebenwirkungen unter Anti-CD20-Therapeutika auftreten, stehen als Alternativen andere monoklonale Antikörper, beispielsweise Anti-CD19 (Blinatumomab) oder Anti-CD22 (Epratuzumab), zur Verfügung.

Bei Patienten, die trotz B-Zell-Lymphomen oder Autoimmunerkrankungen Anti-CD20-Therapeutika nicht vertragen oder eine Kontraindikation vorliegt, können alternative Therapieoptionen wie der Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor (BTK-Inhibitor) Ibrutinib in Erwägung gezogen werden, da dieser alternative Signalwege der B-Zellen hemmt.

Alternative könnte bei bestimmten refraktären oder rezidivierenden B-Zell-Lymphomen die CAR-T-Zell-Therapie eine potenzielle therapeutische Option darstellen.

Wirkstoffe

Zu den Anti-CD20-Therapeutika gehören die folgenden Wirkstoffe:

Hinweise

Die Anwendung von Anti-CD20-Therapeutika erfordert eine genaue Überwachung des Patienten und eine sorgfältige Berücksichtigung bestimmter klinischer Hinweise, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Therapie zu maximieren.

  • Immunisierungsstatus: Es wird empfohlen, den Immunisierungsstatus des Patienten vor Beginn der Anti-CD20-Therapie zu überprüfen und zu aktualisieren. Da die Verwendung von Lebendimpfstoffen während der Therapie kontraindiziert ist, sollten alle erforderlichen Impfungen mindestens vier Wochen vor Beginn der Behandlung abgeschlossen sein.
  • Fähigkeit zur Durchführung täglicher Aktivitäten: Infusionsreaktionen und andere Nebenwirkungen der Anti-CD20-Therapie können die Fähigkeit des Patienten, Fahrzeuge zu führen oder Maschinen zu bedienen, beeinträchtigen. Dies kann insbesondere während der ersten Infusion oder bei Dosisänderungen der Fall sein.
  • Nieren- und Leberfunktion: Vor Beginn der Anti-CD20-Therapie und regelmäßig während der Behandlung sollte die Nieren- und Leberfunktion überwacht werden. Eine Dosisanpassung kann erforderlich sein, wenn eine Nieren- oder Leberfunktionsstörung vorliegt oder während der Behandlung auftritt.
  • Anti-CD20-Therapeutika können eine Immunsuppression bewirken, was das Risiko für opportunistische Infektionen erhöht. Vor der Einführung der Therapie sollten Patienten auf das Vorhandensein von Infektionen einschließlich Tuberkulose und Hepatitis B und C untersucht werden. Bei Patienten, die eine Anti-CD20-Therapie erhalten, ist während der gesamten Therapie und danach eine sorgfältige Infektionsüberwachung erforderlich. [1]
  • Schwangerschaft und Verhütung: Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung und für eine bestimmte Zeit danach eine effektive Verhütungsmethode anwenden. Da nicht bekannt ist, ob Anti-CD20-Therapeutika in die Muttermilch übergehen, wird während der Behandlung und für eine bestimmte Zeitspanne nach Beendigung der Therapie das Abstillen empfohlen.
Autor:
Stand:
09.10.2023
Quelle:
  1. Bondza, S., Marosan, A., Kara, S., Lösing, J., Peipp, M., Nimmerjahn, F., Buijs, J., & Lux, A. (2021). Complement-Dependent Activity of CD20-Specific IgG Correlates With Bivalent Antigen Binding and C1q Binding Strength. Frontiers in Immunology, 11.
  2. Ren, Z., Guo, J., Liao, J., Luan, Y., Liu, Z., Sun, Z., Liu, X., Liang, Y., Peng, H., & fu, y. (2016). CTLA-4 Limits Anti-CD20–Mediated Tumor Regression. Clinical Cancer Research, 23, 193 - 203.
  3. Dale, R., Brilot, F., Duffy, L., Twilt, M., Waldman, A., Narula, S., Muscal, E., Deiva, K., Andersen, E., Eyre, M., Eleftheriou, D., Brogan, P., Kneen, R., Alper, G., Anlar, B., Wassmer, E., Heineman, K., Hemingway, C., Riney, C., Kornberg, A., Tardieu, M., Stocco, A., Banwell, B., Gorman, M., Benseler, S., & Lim, M. (2014). Utility and safety of rituximab in pediatric autoimmune and inflammatory CNS disease. Neurology, 83, 142 - 150.
  4. Cheungpasitporn, W., Kopecky, S., Specks, U., Bharucha, K., & Fervenza, F. (2016). Non-ischemic cardiomyopathy after rituximab treatment for membranous nephropathy. Journal of Renal Injury Prevention, 6, 18 - 25.
  5. Nikolaidis LA. When cancer and heart failure cross paths: a case report of severe cardiorenal compromise associated with the anti-CD20 monoclonal antibody rituximab in a patient with dilated cardiomyopathy. Congest Heart Fail. 2001;7(4):223-227. doi:10.1111/j.1527-5299.2001.01009.
  6. Vijenthira, A., Gong, I., Betschel, S., Cheung, M., & Hicks, L. (2021). Vaccine response following anti-CD20 therapy: a systematic review and meta-analysis of 905 patients. Blood Advances, 5, 2624 - 2643.
  7. Jasmine Bullard A, Cunningham FE, Volpp BD, et al. Preventing Hepatitis B Reactivation During Anti-CD20 Antibody Treatment in the Veterans Health Administration. Hepatol Commun. 2018;2(9):1136-1146. Published 2018 Aug 28. doi:10.1002/hep4.1238

Abbildung

Dr. Isabelle Viktoria Maucher, Created with Biorender

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