Selektive Estrogenrezeptor-Degrader (SERDs)

Selektive Estrogenrezeptor-Degrader fördern den Abbau von Estrogenrezeptoren und inhibieren das Estrogen-abhängige Tumorwachstum. Folglich sind SERDs zur Behandlung des Hormonrezeptor-positiven Mammakarzinoms indiziert.

Anwendung

Selektive Estrogenrezeptor-Degrader (SERDs) werden zur Behandlung des Estrogenrezeptor-positiven (ER+), HER2-negativen, lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Mammakarzinoms angewendet.

In Deutschland aktuell zugelassene SERDs

In Deutschland sind derzeit drei Wirkstoffe aus der Klasse der SERDs offiziell zugelassen und im Handel verfügbar:

Fulvestrant

Der seit Jahren etablierte Standard-SERD. Er wird primär als intramuskuläre Injektion (meist alle vier Wochen) bei postmenopausalen Frauen mit fortgeschrittenem oder metastasiertem ER-positivem Brustkrebs als Monotherapie eingesetzt, wenn keine vorherige endokrine Therapie erfolgt ist oder ein Rezidiv bzw. eine Progression unter Antiestrogen-Therapie auftritt.

Zudem kann Fulvestrant nach vorheriger endokriner Therapie mit Palbociclib kombiniert werden, zur Behandlung des Hormonrezeptor-(HR)-positiven, HER2-negativen, lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Mammakarzinoms (bei prä- oder perimenopausalen Frauen sollte die Kombinationstherapie mit Palbociclib mit einem Luteinisierungshormon-Releasinghormon-(LHRH)-Agonisten kombiniert werden).

Elacestrant

Der erste zugelassene orale SERD in Deutschland (Zulassung im September 2023). Er ist indiziert als Monotherapie bei postmenopausalen Frauen und Männern mit aktivierender ESR1-Mutation nach Progress unter mindestens einer endokrinen Therapielinie einschließlich CDK4/6-Inhibitor.

Imlunestrant

Ein neuerer oraler SERD, der im Frühjahr 2026 die europäische Zulassung erhalten hat. Er wird bei Erwachsenen mit aktivierender ESR1-Mutation nach Progress unter endokrin-basierter Vortherapie angewendet und stellt eine weitere orale Therapieoption dar.
Bei prä- oder perimenopausalen Frauen sowie Männern sollte zusätzlich ein LHRH-Agonist gegeben werden.

SERDs in der fortgeschrittenen klinischen Entwicklung

Weitere orale Wirkstoffe befinden sich in späten Phasen der klinischen Prüfung (Phase II/III) oder bereits im europäischen Zulassungsverfahren:

Camizestrant

Dieser orale SERD zeigt in Studien eine Wirksamkeit sowohl bei Tumoren mit als auch ohne ESR1-Mutation. Der Ausschuss für Humanarzneimittel der EMA hat im Mai 2026 eine positive Zulassungsempfehlung für Camizestrant ausgesprochen; die EU-Zulassung erfolgte am 20. Juli 2026. Die Markteinführung wird Ende 2026 erwartet.

Giredestrant

Befindet sich in einem weit fortgeschrittenen Stadium der klinischen Prüfung. Nach den positiven Ergebnissen der lidERA-Studie im Frühstadium wird dieser Wirkstoff intensiv für die adjuvante Frühtherapie sowie in Kombinationen für das metastasierte Stadium evaluiert.

Wirkmechanismus

Estrogene steuern wichtige Differenzierungs- und Proliferationsprozesse im weiblichen Reproduktionstrakt und im Brustdrüsengewebe. Ihre Wirkung wird über intrazelluläre Estrogenrezeptoren, vor allem ERα und ERβ, vermittelt. Nach Bindung von Estrogenen dimerisieren diese Rezeptoren und aktivieren die Transkription estrogenabhängiger Gene.

Hormonrezeptor- bzw. Estrogenrezeptor-positive Mammakarzinome nutzen diese Signalwege häufig als Wachstumsstimulus. SERDs greifen gezielt in diesen Mechanismus ein, indem sie den Estrogenrezeptor blockieren und zusätzlich dessen Abbau fördern.

Fulvestrant ist ein kompetitiver ER-Antagonist mit einer dem Estradiol vergleichbaren Rezeptoraffinität. Im Unterschied zu SERMs wie Tamoxifen besitzt Fulvestrant keine partiell agonistische, estrogenartige Aktivität. Es hemmt die trophischen Estrogenwirkungen und führt über den Abbau des SERD-ER-Komplexes zu einer Downregulation der Estrogenrezeptorprotein-Spiegel. Klinisch zeigte sich unter Fulvestrant eine deutliche Reduktion der ER-Spiegel in ER-positiven Tumoren. Passend zum fehlenden Estrogenagonismus war auch die Progesteronrezeptor-Expression vermindert.

Elacestrant ist ein oral wirksamer, selektiver ERα-Antagonist aus der Gruppe der Tetrahydronaphthalin-Verbindungen. Der Wirkstoff hemmt die ERα-vermittelte Signalübertragung und bewirkt den Abbau des Rezeptors.

Imlunestrant wirkt als Antagonist und Degrader von Wildtyp- und mutiertem ERα. Dadurch werden Estrogenrezeptor-abhängige Gentranskription und Zellproliferation in ER-positiven Brustkrebszellen gehemmt.

SERDs

Nebenwirkungen

Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen der selektiven Estrogenrezeptor-Degrader (SERDs) zählen:

  • Gastrointestinale Beschwerden (z. B. Übelkeit, Diarrhö, Erbrechen, Obstipation, Dyspepsie und abdominale Schmerzen)
  • Hitzewallungen
  • Fatigue beziehungsweise Asthenie
  • Muskuloskelettale Beschwerden (z. B. Arthralgien, Gelenk- und Rückenschmerzen)
  • Erhöhte Leberenzymwerte (insbesondere ALT und AST)
  • Veränderungen von Laborparametern, darunter Lipid-, Elektrolyt- und Kreatininwerte
  • Überempfindlichkeitsreaktionen und Hautausschläge

Die Art und Häufigkeit der Nebenwirkungen kann zwischen den einzelnen Wirkstoffen der Substanzklasse variieren. Vollständige Angaben zu den wirkstoffspezifischen Nebenwirkungen sind den jeweiligen Fachinformationen zu entnehmen.

Wechselwirkungen

Das Wechselwirkungspotenzial unterscheidet sich zwischen den einzelnen Wirkstoffen der Gruppe deutlich. Angaben zu wirkstoffspezifischen Wechselwirkungen sind den jeweiligen Fachinformationen zu entnehmen.

Kontraindikationen

Die Anwendung von der im Sommer 2026 zugelassenen SERDs ist generell kontraindiziert bei:

  • Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff
  • Schwangerschaft (Fulvestrant)
  • Stillzeit (Fulvestrant und Imlunestrant)
  • Schwere Leberfunktionsstörung (Fulvestrant)

Alternativen

In Abhängigkeit vom Erkrankungsstadium, dem vorhandenen tumorspezifischen Expressions- und Mutationsprofil sowie patientenindividuellen Faktoren kommen neben einer Operation oder Strahlentherapie folgende Wirkstoffgruppen als Alternativen in Frage:

Wirkstoffe

SERDs in der fortgeschrittenen klinischen Entwicklung

  • Camizestrant
  • Giredestrant
Quelle:
  1. Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
  2. Mutschler et al., Mutschler Arzneimittelwirkungen, 2019, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart
  3. Fachinformationen Fulvestrant
  4. Fachinformationen Elacestrant
  5. Fachinformationen Imlunestrant
  6. Etcamah | European Medicines Agency (EMA), Stand: 22.05.2026, Zugriff am 25.06.2026.
  7. Fachinformation Etcamah, Stand Juli 2026.
  8. Roche Pharma AG (2025). SABCS 2025: Giredestrant reduziert Rezidivrisiko signifikant um 30 % beim frühen ER+/HER2− Mammakarzinom. Pressemitteilung vom 16. Dezember 2025. Online nicht frei zugänglich (Stand: 05.01.2025)
  9. AWMF: Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, Kurzversion, Juni 2021
  10. Yunlong Lu and Wukun Liu, Selective Estrogen Receptor Degraders (SERDs): A Promising Strategy for Estrogen Receptor Positive Endocrine-Resistant Breast Cancer, Journal of Medicinal Chemistry, 2020, 63 (24), 15094-15114, DOI: 10.1021/acs.jmedchem.0c00913.

Abbildung: Created with BioRender.com 

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden